Endlosschleife Liebesleid

Immer wenn ich dieses Lied höre, weiß ich, dass die Vorweihnachtszeit angefangen hat und dass auch das allgemeine Liebes-Unglück weiter seinen Lauf nimmt: Last X-mas I gave you my heart but the very next day you gave it away …

 

 

Im letzten Jahr war ich noch mit Anne zusammen gewesen. Bis zu dem Tag, an dem wir zum Weihnachtsmarkt gingen. Sie hatte es unbedingt gewollt. Ich nicht, als hätte ich das Unglück vorausgesehen. Wir gingen trotzdem. Das war’s. Damit war die Beziehung zu Ende.

Ich hatte versucht, mich zu wehren. „Mich ziehen keine zehn Rentiere in dieses verlogene Nippesparadies, wo man überteuerten Krimskrams kaufen kann, den irgendwelche Behinderte oder Ausländer hergestellt haben. Wenn ich Pech habe, spielen sie dazu den Schneewalzer im Viervierteltakt.“

Mein Einwand galt nicht.

Ob Dreiviertel- oder Viervierteltakt, das war eine Kleinigkeit. Was war das gegen einen gemeinsamen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, der doch so schön sein konnte?! Und so wichtig. Und so gut.

Anne verstand es, alles, was sie in Wirklichkeit gerne tat, als Pflicht hinzustellen und stets andere Gründe anzuführen, als den, dass sie einfach nur Lust auf etwas hatte. Wenn sie mal Lust auf etwas hatte, dann gab sie es nicht zu. Manchmal musste man schon den Eindruck haben, dass sie das ganze Leben nur als eine einzige Last ansah und als hätte sie noch etwas gut allein schon dafür, dass sie das Leben aushielt: Es mussten nun mal Geschenke für die Verwandten und Freunde gekauft werden, das musste sein. Außerdem war es ein besonderer Weihnachtsmarkt, der nicht nur als einer der schönsten galt, sondern auch als der Markt, bei dem man guten Gewissens sein Geld ausgeben konnte, bei dem sich neben den Anbietern aus armen Ländern auch Initiativen aus der Nachbarschaft vorstellten, die sie unterstützen wollte.

Ich hatte nachgegeben und so getan, als würde ich mich nach ihren Vorgaben richten; denn ich hatte schwer an ihrer moralischen Überlegenheit zu tragen, als müsste ich mich mit einem Rucksack abschleppen, in der die Ausrüstung für ein ganzes Leben verstaut war. Sie hatte – besonders nach meiner Affäre (die keine war) mit meiner Tanzpartnerin – eine dermaßen starke moralische Überlegenheit aufgebaut, dass sie sich weit über mich erhob, sich damit aber auch weit von mir entfernte, als dürfte ich ihr nur noch aus der Ferne zuwinken, aber nicht mehr in ihre Nähe geraten.

Ich hätte merken müssen, dass es ihr nicht allein darum ging, sich durchzusetzen und zu bestimmen, wie wir den späten Nachmittag verbringen, sie erwartete mehr von einem Bummel über den Weihnachtsmarkt, es ging nicht nur um Schnäppchen und gute Taten, es war, als hätten wir da einen Termin bei einem Paartherapeuten. Sie hoffte irgendwie – wie genau weiß ich auch nicht –, dass es unserer Beziehung gut tun würde, als könnte die inszenierte vorweihnachtliche Stimmung uns zu besseren Menschen machen, die besser miteinander umgehen können.

„Also gut. Ich gehe mit“, hatte ich gesagt. „Auch auf die Gefahr hin, dass ich Last X-mas hören muss, das böse, böse Lied.“ Damit hatte ich schon alles verdorben.

Auf dem Weihnachtsmarkt – jedenfalls sah Anna das so, wie ich inzwischen wusste – war nichts böse. Da gab es keine bösen Lieder und keine bösen Dinge, da gab es nur gute und sehr gute Dinge, sie waren von Grund auf gut, sie waren mit Liebe gebastelt von Menschen, die es schwer hatten im Leben, solche kleinen Geschenke waren nicht nur schön, sie dienten außerdem einem guten Zweck.

Last X-mas I gave you my heart war mein Top-Kandidat für einen der oberen Plätze auf der Liste der ‚Worst Songs Ever’. Auf die Idee, eine Liste mit den schlimmsten Liedern aller Zeiten zu erstellen, waren meine Schüler gekommen. Die erstellten gerne Listen, und besonders gerne machten sie Negativ-Listen.

War das früher anders?

Ich glaube schon.

Wir hatten auch, als wir noch jung und schnell zu begeistern waren, unsere Hitparaden gehabt. Doch da waren unsere Lieblingslieder aufgeführt, die zauberhaften Lieder, die wir gerne hörten. Was wir nicht mochten, überhörten wir einfach. Wir haben uns damit gar nicht erst großartig beschäftigt, als könnte man sich von dem Schlechten, das ihnen anhaftete, infizieren. Es kommt mir vor, als wäre das heute anders und als würden sich die Leute viel mehr mit dem befassen, was sie nicht mögen, als wäre es ihnen wichtig, rechtzeitig Nein zu sagen, und als kriegten sie schon längst kein Ja mehr über die Lippen. Wir leben nicht mehr in einer Zeit des Yeah! Yeah! Yeah!, sondern in einer des No, No, No!

Vielleicht liegt es an unserer besonderen Aufmerksamkeit für die Risiken und die schädlichen Nebenwirkungen, die wir überall vermuten und auf die wir bei jeder Gelegenheit hingewiesen werden. Wir sind inzwischen Experten für das Schlechte geworden. Vielleicht ist es auch eine Nebenwirkung der Mülltrennung, weil heute nichts einfach weggeschmissen, sondern vorher genau analysiert wird.

Natürlich sagen Leute in meinem Alter gerne, dass früher alles besser war, aber ich denke schon, dass es eine Veränderung in der Grundstimmung gegeben hat; wahrscheinlich hätte mir sogar Anne zugestimmt, sie meinte auch, dass es heute – ganz allgemein gesprochen – an Positivem fehlt und sie hätte womöglich leise hinzugefügt, dass sie das Positive auch in unserer Beziehung vermisst.

 

Google-Übersetzer-Version 

 

Last X-mas wirkt beim ersten Hören nicht besonders schlimm, es scheint ein durchschnittlicher Tra-la-la-Schlager zu sein, doch durch das regelmäßige Auftauchen zur Weihnachtszeit hat sich die Bedeutung des Songs verändert: George Michael will, wie er in dem Lied fröhlich singend verkündet, seinen Fehler vom letzten Jahr vermeiden, to save me from tears, und diesmal sein Herz an someone special verschenken. An eine ganz besondere Frau also.

Aber – das sagte ich meinen Schülern auch immer – man musste solche Texte stets im Kontext interpretieren und sich fragen: In welchem Zusammenhang steht das Lied? Ist es eine einmalige Situation oder eine, die regelmäßig wiederkehrt, zu der ein Lied passt wie etwa Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.

So ist es. Wir haben es mit einer Serie zu tun. Es wiederholt sich etwas. Denn genau dieses Lied hatten wir im letzten Jahr auch schon gehört. Der Sänger hatte sich, wie wir inzwischen wissen, geirrt, als er dachte, er hätte sein Herz der Richtigen gegeben. Im Jahr davor ebenso, alle Jahre wieder. Die frohe Botschaft, die uns sagen wollte, dass diesmal mit dem Weihnachtsfest alles besser würde, erwies sich durch die Wiederholung als falsches Versprechen: Mit dem letzten Weihnachtsfest war nicht alles besser geworden, das letzte Mal war genauso ein Reinfall gewesen wie das Mal davor.

Was also, so konnte man sich fragen, sagte uns das Lied über den Zustand unseres Liebeslebens? Wir hatten es mit einem massenhaften Liebesleid bei kurzfristiger Selbsttäuschung kurz vor Heilig Abend zu tun.

Der Song hatte inzwischen sogar den Rang von einem traditionellen Weihnachtslied, er war inzwischen auch fünfundzwanzig Jahre alt. Wir gingen also einem Silberhochzeitsfest des Liebeskummers entgegen.

Daran sah man, wie verlogen ein „Fest der Liebe“ war – besser gesagt: Man hörte es. Dennoch wurde der faule Zauber jedes Jahr neu inszeniert, als hätte ein schlechter Dramaturg einen unkündbaren Vertrag mit einem Theater, das jeden zum Besuch verpflichtete.

Das war jedenfalls meine Interpretation zu diesem Lied.

Die hatte ich nicht nur meiner Klasse, sondern auch Anne erzählt. Sie war sowieso der Meinung, dass ich rund um die Uhr Lehrer bin, nicht nur vormittags.

Sie hatte es gar nicht gerne gehört: „So siehst du das?“

„Es stimmt doch – oder?“

„Und? Was willst du mir damit sagen?“

„Was soll ich dir damit sagen wollen?“

„Ist dir aufgefallen, dass wir genau in dieser Zeit zusammen gekommen sind? In dieser ach-so-schrecklichen Zeit des ewig wiederkehrenden Liebesleids. Gehen wir deiner Meinung nach etwa auch einer Silberhochzeit des Liebeskummers entgegen?“

„Du musst nicht immer alles auf dich beziehen.“

„Auf wen den sonst? Etwa auf deine Tangotänzerin?“

„Nein. Natürlich nicht.“

Die kannte ich ja kaum. Unsere Affäre war nicht so, wie Anne dachte. Es war eigentlich keine. Ich hatte sie unvorsichtig als Möchte-gern-Affäre bezeichnet und es damit noch schlimmer gemacht, denn damit hatte ich zugegeben, dass es etwas war, zu der solche Bezeichnungen wie „gerne“ und „möchten“ passen. Das war in Annes Augen der Beweis für die Leidenschaftlichkeit, wie man sie auch beim Tango erwartet.

Dennoch hatte ich bis zu dem Moment immer noch gedacht, dass wir eigentlich ein gutes Paar sind. Doch mit der Formulierung „ein gutes Paar“ ging schon der Ärger los, denn Anne litt darunter, dass wir kein sehr gutes Paar waren – und sie bezog tatsächlich alles auf sich.

Einmal war ich sehr spät – das war schon schlecht – von einem Elternsprechtag zurückgekommen und hatte bereits, als ich zur Tür hereinkam, den Eindruck, dass ihre Laune unter dem Gefrierpunkt lag. Ich hätte vorsichtig sein sollen; doch ich klagte unbefangen über anstrengende Mütter, die unbedingt perfekte Mütter sein wollten, obwohl es für die Kinder oft besser wäre, wenn sie nur „ausreichend gute Mütter“ wären, wie wir das im Lehrerzimmer nannten. Anne zog daraufhin eine Schnute, als wären plötzlich links und rechts an ihren Mundwinkeln schwere Gewichte angebracht worden, sie bezog das sofort auf unsere Beziehung, als hielte ich die auch für „ausreichend gut“ – und wäre auch noch zufrieden damit.

Da lag sie nicht ganz falsch.

Man sollte zufrieden sein mit dem, was man hat. Doch heutzutage verrieten die Leute das Gute, das sie hatten, und tauschten es ein gegen die trügerische Aussicht auf etwas Besseres, das es dann nicht geben würde. Mein zweiter Kandidat für die Liste der ‚Worst Songs Ever’ war: It’s got be-e-e-e-e-e perfect, von der Gruppe Fairground Attraction. Da verrät schon der Name, dass sie auf Rummelplätzen und Märkten ihren menschenfeindlichen Lobgesang auf den Perfektionismus aufführen wollen, mit diesem nervtötenden, lang gezogenem be-e-e-e-e-e. Es wird sofort abgerechnet, es heißt: It’s got to be-e-e-e-e-e worth it. Es geht also um Geschäfte – und darum, sich besser zu fühlen als alle anderen: too many take second best. But I but won’t take anything less. It’s got to be-e-e-e-e-e perfect.

Kein Wunder, wenn sich die Leute bei so einer Begleitmusik trennen. Nobody is perfect. Als sich die Bukis scheiden ließen, wurden wir mitgeschieden, auch wenn wir gar nicht verheiratet waren. Wir hatten früher viel gemeinsam unternommen, – Städtereisen nach Prag und Lissabon – die Bukis waren, bis sie sich trennten, mehr als nur ein befreundetes Paar gewesen, sie waren unsere besten Freunde.

Dann gingen sie auseinander: Anne war auf ihrer, ich auf seiner Seite. Plötzlich hatte sich da ein tiefer Graben aufgetan, wir hätten nicht mal mehr zusammen auf den Weihnachtsmarkt gehen können. Anne nahm mir sogar übel, dass ich bis zuletzt bei ihm Bücher gekauft hatte, nun war er pleite; die ‚Buchkiste’ war eine Eisdiele. Sie fand, er hätte seine Frau nicht so schlecht behandeln sollen; ich fand, seine Frau hätte ihn nicht verlassen dürfen. Angeblich hatte er seine Kundinnen mehr geliebt als sie. Ich hatte dazu nur bemerkt, dass man grundsätzlich seinen Partner nur so kennt, wie er ist, wenn man selber gerade mit ihm zusammen ist, und dass Frau Buki keinen Anspruch auf „hundert Prozent“ der Zuneigung ihres Mannes hätte.

Anne war entsetzt gewesen, dass ich so reden konnte, sie fand es sowieso daneben, dass wir sie immer „die Bukis“ nannten, auch wenn es scherzhaft war und sie das auch gesagt hatte; aber es war nun mal sein Laden, und sie wurde damit völlig untergebuttert.

Ich fand, dass Frau Buki, wie ich sie weiterhin hartnäckig nannte, erpresserisch war: Entweder er verhielt sich genau so, wie sie wollte, oder sie trennte sich und ruinierte ihn damit. Doch das sagte ich nicht; ich mochte Aussprachen nicht, die so waren, als würde dabei nur auf ein falsches Wort von mir gewartet, als hätte jemand vorher die Warnung abspult: Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass alles, was Sie sagen, gegen Sie verwendet werden kann.

So war meine Lage: Anne wartete nur auf ein falsches Wort von mir, auf eine falsche Bewegung, einen falschen Blick. Es konnte ganz leicht passieren. Ich müsste nur das Wort „Tango“ erwähnen oder sagen, dass für kinderlose Paare der Weihnachtsmarkt der reine Kitsch ist und Leute wie Anne und ich da eigentlich nichts verloren hätten oder ich müsste wieder von „bösen Liedern“ sprechen, schon würde Anne das als willkommenen Anlass sehen, mir nicht nur eine Szene zu machen, sondern die Beziehung zu beenden.

So kam es dann auch.

Eine beschauliche Stimmung konnte sowieso nicht aufkommen, weil es viel zu viel Gedrängel gab, und dann passierte etwas, das alles veränderte, als hätte jemand versehentlich mit der Maus etwas angeklickt, das er gar nicht wollte – schon hatte die Szene einen anderen Hintergrund: Etwas kippte um, etwas krachte zusammen, Schreie, Flüche – vermutlich auf Russisch – zerrissen die Geräuschkulisse, als hätte es einen Anschlag gegeben. Alle Blicke richteten sich auf die beiden Weihnachtsmänner, die sich kurz angebrüllt hatten und sofort heftig aufeinander einprügelten; sie zerrten wütend an ihren Mänteln und boten mit ihrem Zweikampf eine gänzlich unerwartete Attraktion auf dem ganz besonderen Weihnachtsmarkt vor dem Charlottenburger Schloss, das in diesem Jahr in Bonbonfarbe beleuchtet war. Gleichzeitig fing der gemischte Chor der St. Kamillus-Gemeinde auf der großen Bühne zu singen an: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit …

Anne hatte recht. Mit der Dudelmusik auf dem Weihnachtsmarkt hatten sie Schluss gemacht. Es hing irgendwie mit neuen GEMA-Regelungen zusammen oder damit, dass sich Anwohner beschwert hatten. Es war jedenfalls nicht mehr so laut wie früher, es gab keine Weihnachtslieder in Humtata-Versionen mehr. Es war eben doch ein besonderer Weihnachtsmarkt für den anspruchsvollen Geschmack.

Man konnte die beiden Weihnachtsmänner nur schwer auseinanderhalten, sie wirkten auf den ersten Blick gleich stark. Ein vielleicht vierzehnjähriger Junge neben mir beömmelte sich geradezu, wie Anne das nannte und sagte immer:

„Affengeil!“

„Komm jetzt!“ Anne zog an meinem Mantel; sie tat, als wäre sie auch eine von den Müttern, die mit ihren Kindern schnell weitergehen wollten, um die Kleinen vor dem zu bewahren, was sich nun offenbarte. Die Weihnachtsmänner schlugen kräftig zu, es lag eine verzweifelte Wucht in ihren Schlägen, es musste richtig wehtun, derhalben jauchzt, mit Freuden singt, doch sie zeigten keinerlei Anzeichen von Schwäche, entweder bildeten ihre Mäntel ein gutes Polster oder sie hatten professionelle Nehmerqualitäten.

 

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Einer lag am Boden, der andere prügelte unablässig auf ihn ein. Die unfreiwilligen Zuschauer hatten jedoch kaum Gelegenheit, mit dem gefallenen Weihnachtsmann Mitleid zu empfinden: Ein leichtes Nachlassen der Schläge, die auf ihn niedergingen, brachte eine schnelle Wende. Er trat den Weihnachtsmann, der sich über ihn gebeugt hatte, hart zwischen die Beine – der schrie auf und kippte um – und plötzlich war der Weihnachtsmann, der eben noch unten gelegen hatte, obenauf und prügelte auf den Weihnachtsmann, der nun am Boden lag, ein und fluchte atemlos.

Ein paar Frauenstimmen riefen nach einem Veranstalter oder nach einem Verantwortlichen – aber wer sollte das sein? Wer sollte eingreifen? Die minderjährigen Engel, die hier in viel zu dünnen Kleidchen herumliefen? Einen Knecht Rupprecht, der mit einer Rute eingreifen könnte, gab es weit und breit nicht, der war längst abgeschafft. Vermutlich hatten sich die beiden Weihnachtsmänner verirrt oder nicht richtig abgesprochen und „fochten“ nun, wie man sagen könnte, wenn sie Degen gehabt hätten und zum Duell angetreten wären, ihre Unstimmigkeiten aus und versuchten dabei gleichzeitig alte, angesammelte Rechnungen zu begleichen.

Es war nicht mehr schön. Das Böse war plötzlich wie eine Wildsau aus dem Unterholz herausgebrochen und hatte sich auf dem Weihnachtsmarkt breit gemacht.

Trotzdem. Ich lachte lauter als mir lieb war, ich wusste selber, dass mich alle für verrückt halten mussten.

„Hallo!!?? Geht’s noch?“, fragte Anne. Ich erkannte sie kaum wieder. So redete sie normalerweise nicht, das taten Leute, die so alt waren wie der Junge neben mir.

Ich konnte einfach nicht aufhören und lachte und lachte wie ein Scherzartikel, der sich nicht mehr abschalten lässt.

Mir war klar, dass die Beziehung zu Anne ein Ende hatte, dies war die Endphase. Mit so einem wie mir wollte Anne nichts mehr tun haben.

„Kindskopf!“, schimpfte Anne. Sie behandelte mich gerne wie ein Kind. Ich durfte dann den kleinen Jungen spielen, neben ihr herdackeln, gut „bei Fuß“ laufen, wie man das bei Dackeln sagt, und an ihrer Unentschlossenheit teilnehmen – sollte sie das kaufen? Oder nicht? Oder doch? Und nun wollte diese Mutter, die keine war, ihren Kleinen so schnell wie möglich weiterzerren, als hätte er plötzlich etwas entdeckt, das nicht jugendfrei ist.

Wir hatten kein Kind. Ich gehörte nicht zu ihr. Ich wollte nicht weg. Ich wollte mir von dem Schauspiel nichts entgehen lassen: „Ich bleibe hier. Ich will sehen, wie sie sich die Bärte abreißen.“

„Du bist sowas von …“ Anne resignierte. Ihr gingen die Worte aus wie bei einer Tube Shampoo, der man verärgert den letzten Tropfen abringt.

„Haut’se, haut’se, immer in die Schnauze“, rief ich mit dem Jungen neben mir im Chor. Inzwischen war mir alles egal. Ich konnte die vielen missbilligenden Blicke, die mich von allen Seiten trafen, als wäre ich einer Steinigung mit kleinen, imaginären Steinen ausgesetzt, sogar genießen. Die Wut, die in den Schlägen der Weihnachtsmänner steckte, konnte ich sehr gut nachvollziehen, sie sprach mir aus der Mördergrube meines Herzens. Die beiden Weihnachtsmänner brachten einfach nur die Wahrheit ans Tageslicht:

Es gab keinen perfekten someone spezial, dem man zu X-mas sein Herz schenken konnte, damit man von allen Schmerzen befreit war.

Es würde auch im nächsten Jahr keinen geben.

Taxi-Version auf dem Weg zum Flughafen Hanoi, 2013