Tübingen protestiert – ich auch

 

 

 

 

 Tübingen

 

Oho! In Tübingen gab es Protest. Wer macht denn so etwas?

Ich. Ich protestiere. Hiermit.

 

 

Das Stadtmuseum präsentiert noch bis Juli eine ungewöhnliche Ausstellung – genau gesagt eine Interventionsausstellung – mit dem Titel, „Protest!“ und dem Untertitel „Stricken, Besetzen, Blockieren – in den 1970/80er Jahren in Tübingen.“

 

Für mich hieß das: Nichts wie hin. Schließlich war ich live dabei. Beim Protest – nicht beim Stricken. Schon im ersten Raum überrumpelten mich die Erinnerungen; die Plakate des Club Voltaire begrüßten mich wie alte Freunde und ich dachte mir: Die Handschrift kenne ich doch. Richtig! Die Poster sind alle von dem unermüdlichen Aktivisten Eckard Holler beschriftet, als hätte er sie persönlich signiert.

 

Auf einem kleinen Bildschirm läuft ein Film, der Festival-Bilder zeigt, die mir ebenfalls bekannt vorkommen. Sie stammen, so steht es auf dem Beipackzettel, aus dem Jahre 1986. Über Kopfhörer kann man sich den Kommentar dazu anhören. Die Stimme kommt mir auch bekannt vor. Es ist meine eigene.

 

Schon ist es soweit. Schon muss ich protestieren und intervenieren. Denn schon ist mir klar, was an der Ausstellung nicht stimmt: Sie ist nicht richtig im Kalender einsortiert. Damit verliert eine Ausstellung zum Thema „Protest“ seinen Sinn. Protest ist an Aktualität geknüpft, an ein Verständnis der historischen Umstände. Zwar beanspruchen die „Studierenden“, wie sie im Vorwort des Katalogs schreiben, die Protestkultur „historisch verortet“ zu haben, doch genau das haben sie nicht getan. Zeit und Raum haben sie nicht richtig auf die Reihe gekriegt.

 

Werner Heisenberg mit seiner berühmten Vorstellung von der Unschärferelation bei einer Orts- und Zeitbestimmung ist der heimliche Schirmherr dieser Ausstellung: den Ort können wir präzise bestimmen; der Ort ist Tübingen: Längengrad 9.0536, Breitengrad 48.5369. Doch die Zeit … na ja – wer weiß das schon? –, das war irgendwann in den 70er oder 80er Jahren, im Dunkel des gelebten Augenblicks, wie Ernst Bloch womöglich sagen würde. Vielleicht war es vor 1975, vielleicht nach 1985, kommt nicht so drauf an – oder?

 

Doch. Es kommt darauf an. Den Text habe ich 1977 gesprochen. Nicht 1986. Damals wollten wir mit Bordmitteln eine Dokumentation erstellen, weil es sonst niemand machte. So entstanden die ersten bewegten Bilder von den Festivals, wie sie der Club Voltaire ab 1975 veranstaltete. Mit der Stoppuhr in der Hand habe ich den Text entworfen und gleich selber auf die Tonspur gesprochen wie ein Tourist, der seine Urlaubsreise in Super8 gefilmt hat und anschließend vertont. Es war eine Selbstdarstellung.

 

Und dann? Dann äußert sich – wir sind immer noch im selben Film – eine Besucherin und sagt: „Ein bisschen sehe ich die Gefahr, so wie es bei Musik meisten ist, dass man sich so von der Musik einnehmen lässt, dass man gar nicht auf die Texte achtet.“ Wie kommt diese Frau in den Film?

 

Gretel

 

Schwäbischer Wein zum herabgesetzten Preis

 

Der Film ist verpanscht. Da wurden einfach mehrere Jahrgänge von gutem und von weniger gutem Wein zusammengeschüttet. Übergangslos ist der Amateur-Film zu einem professionellen Film geworden. Aus dem Selbstzeugnis wurde eine Fremdwahrnehmung. Allerdings eine aus einer anderen Zeit. Die Frauenstimme stammt aus dem Jahre 1985.

 

Inzwischen gab es mehrere Fernsehberichte über die späteren Festivals mit den üblichen (willkürlichen) Publikumsbefragungen. Die hat man kurzerhand dazu gemischt, und so wurde mit einem groben Kochlöffel all das zusammengerührt, was sich in einem Zeitraum von zehn Jahren entwickelt hat. Alles, was sich im Spannungsfeld zwischen Grenzüberschreitung und Wiederholung, zwischen Initiative und Verwaltung abgespielt hat, wurde zu einem Einheitsbrei vermanscht. Guten Appetit. Das soll „Protest“ sein? Bei dem Stichwort denken manche womöglich an die Studentenbewegung. Wann war die eigentlich?

 

Der Film zeigt Bilder von einem nur spärlich gefüllten Schlosshof aus dem Jahre 1985. 1975 sah das anders aus. Die ersten Festivals hatten uns vor das Problem gestellt, Ausweichorte zu finden, weil der Schlosshof überfüllt war, und – so muss man richtigerweise sagen – die Leute kamen gerade, weil sie neue Texte hören wollten. So war es nämlich angekündigt. Wenn ein Besucher etwas anderes erwartet hatte, war er falsch.

 

Die Festivals nannten sich – die richtige Bezeichnung ist der Schlüssel zum richtigen Verständnis – „Folk- und Liedermacherfestival“. Mit dem Reizwort „Liedermacher“, das damals noch einen anderen Klang hatte als heute, konnte man Besucher aus nah und fern anlocken. Ein Liedermacher war eine große Neuigkeit und eine kleine Sensation. Er machte alles selber, das war schon mal gut; ein Liedermacher bot mit seinen selbst gemachten Liedern, auch wenn sie etwas unbeholfen daherkamen, eine Alternative zur kommerziellen Kultur; ein Liedermacher kannte womöglich neben seinen eigenen Stücken auch die neuesten Protestsongs aus der großen, weiten Welt. Ein Liedermacher gehörte – wenn auch entfernt – zur Großfamilie von Bob Dylan oder von Heinrich Heine. Darin lag der Reiz.

 

Wo war da die Gefahr, dass die Zuhörer so sehr von der Musik eingenommen wurden, dass sie nicht auf die Texte achteten? Etwa – um mal die Künstler, um die es geht, konkret zu nennen – bei Christof Stählin, Georg Kreisler, Hannes Wader, Walter Mossmann, Günther Wölfle, Thommie Bayer oder später bei Wolf Biermann? Nichts da. Man müsste der Kommentatorin zurufen: Umgekehrt wird ein Damenschuh draus. Die Besucher kamen, um kritische oder künstlerisch ambitionierte Texte zu hören, aktuelle oder historische. Protest (und darum geht es schließlich) war nicht nur die Frage einer grundsätzlichen Haltung, Protest hatte auch konkrete Inhalte.

 

Jan Weber dagegen fand bereits das erste Festival in Tübingen im Vergleich zu dem, was er zehn Jahre zuvor erlebt hatte, harmlos und unbedeutend. „Ein Liedermacherfestival 1965 war Grund für Unruhe unter den verfassungsschützenden Organen“, schrieb er, „1975 gehört es zur gewohnten Szene“. Aber nein. Das Festival war etwas Neues, Überraschendes, Ungewöhnliches und gehörte keineswegs zur gewohnten Szene. Es war auch nicht klar, was davon zu halten war – und was daraus noch werden würde.

 

Mit dem geheimnisvollen Festival aus dem Jahre 1965 meint Jan Weber das Bardentreffen auf der Burg Waldeck, für das er seinerzeit Rundfunkaufzeichnungen organisiert hatte. Auch er geht sehr großzügig mit der Datierung um; denn so spannend war es da im Jahre 1965 auch nicht gewesen, erst 1968 brach die politische Unruhe in die Abgeschiedenheit der Wald- und Riesenromantik ein, als es hieß: „Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert“.

 

In der Universitätsstadt Tübingen wurde sowieso diskutiert. Hier war die Invasion der Gitarren die große Neuigkeit. Zudem liegt die Burg Hohentübingen nicht etwa schwer zugänglich irgendwo im Hunsrück, sondern mitten im Ort. 1975 wurden da die Türen und Tore geöffnet, mit dem Festival trat der Club Voltaire, der bisher ein Nischendasein geführt hatte, „ins Offene“, wie Hölderlin vielleicht sagen würde. Nicht nur das Unigelände, die gesamte Stadt wurde eingenommen, an allen möglichen Plätzen entstanden improvisierte Bühnen.

 

Der kritische Beobachter Thomas Rothschild legte sogleich die Stirn in Sorgenfalten, solche Festivals, gab er zu bedenken, würden schließlich zu einer „akustischen Stadtverschönerung“ führen. Wohl wahr. Nun ist es so weit. Nun gehört eine Gitarre ganz selbstverständlich zum Stadtbild, nun kann man wirklich sagen, dass sie zur gewohnten Szene gehört. Ein bisschen Festival ist inzwischen überall in der Stadt.

 

Es scheint unglaublich, es ist dennoch wahr: Anfang der 70er Jahre konnte man in Tübingen mitten auf dem Marktplatz parken. Es gab nirgendwo Straßenmusiker. Es gab nicht einmal eine Fußgängerzone. Es gab keinen Bioladen – nur ein Reformhaus. Kann sich noch jemand erinnern? Saß jemals irgendwer auf einem der Balkone? Ich glaube nicht. In meiner Erinnerung hockten die Schwaben auch bei bestem Wetter grundsätzlich nicht draußen, damit auch ja niemand den Eindruck haben könnte, sie würden gerade nicht schaffen.

 

Das hat sich geändert, the timest they are a-changing. Inzwischen hat sich Tübingen in ein arkadisches Müslingen verwandelt, es ist eine weltoffene, freundliche Gartenstadt geworden. Man sitzt selbst bei leichtem Nieselregen im Freien, lacht, hält sich an den Händen, beglückt die Straßenmusiker mit großzügigen Spenden, und der Goldstaub des Paradieses funkelt in den Weingläsern.

 

Ist das alles den Festivals zu verdanken? Natürlich nicht. Wem dann? Hegel weiß es: dem Zeitgeist. Der hat den Kulturwandel angestoßen. Willy Brandt hatte schon Anfang der siebziger Jahre das Schlagwort von der „Lebensqualität“ ausgegeben; auch das Stichwort „Alltagskultur“ war nicht nur innerhalb der Räume des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaften zu hören. Das Leben wurde heiter und bunt. Wo blieb da der Protest? Wie sah er aus? Bestand er darin, gegen etwas zu sein. Oder war er auch für etwas?

 

Gruppo

 

Girls just wanna have fun

 

Eben das hätte die Ausstellung zeigen können. Es wäre gut möglich gewesen. Für eine historische Verortung, wie es sich die Ausstellungsmacher vorgenommen hatten, hätten sie ein wenig nach links und rechts schauen müssen, sie hätten das Besondere leicht erkennen können. Festivals mit Folkmusik zum Mitsingen, Händchenhalten und Küsserauben gab es nicht nur in Tübingen. Auch anderswo tanzten junge Frauen in wehenden Gewändern zu wehmütigen Klängen barfuß im Kreis herum.

 

Damals bot auch die Sparkasse Vergnügungen an, die sich „Folk & Fun“ nannten. Schon ein flüchtiger Vergleich hätte die Unterschiede zu dem, was der Club Voltaire veranstaltet hat, deutlich gemacht. Doch die Ausstellungsmacher haben die Folkmusik eben nicht in ihrer historischen Verortung verstanden, sie haben sie lediglich als das Gegenteil von politischen oder künstlerischen Ansprüchen gesehen – nur als fun.

 

Im Katalog zur Ausstellung schreibt Judith Rühle: „In den ersten drei Jahren stand Folk-Musik im Mittelpunkt der Festivals“. Das ist falsch. Damit entgeht ihr der Witz. Und obendrein die Pointe. Wir müssen nur mal einen flüchtigen Blick auf die Plakate werfen – was sehen wir da? Im Mittelpunkt der Festivals stand nicht „Folk“, sondern „und“. Die Festivals nannten sich „Folk und Liedermacher-Festival“. Und!

 

Der Witz an der Sache war die Gemeinsamkeit, die gute Verträglichkeit der beiden Programmpunkte. Liedermacher und Folkies, wie man sie vertraulich nannte, gingen Hand in Hand durch Tübingen und taten es gerne: die Folkies hatten die Tradition im Gitarrenkoffer, die Liedermacher die Aktualität; die Folkies schleppten die Schwere des Gefühls an, die Liedermacher erfreuten sich am Leichtsinn der Gedanken; die Folkies brachten die alte Musik auf die Bühne, die Liedermacher die neuen Texte. Es war nicht nur ein zufälliges Nebeneinander. Es war ein echtes Miteinander, zu dem sich noch die Gitarrenvirtuosen gesellten. Erst zusammen ergab es ein Ganzes. Das war das offene Geheimnis.

 

Doch Judith Rühle versucht, die Pole gegeneinander auszuspielen: Folkmusik war ihrer Darstellung nach unpolitisch, und politische Texte wollten die Leute eigentlich nicht hören. Um das zu untermauern, bemüht sie noch einmal die mäkelige Frauenstimme aus dem Film sowie weitere Stimmen, die zugeben, dass sie einfach nur Musik hören, Leute treffen und tanzen wollten, und sie weiß zu berichten, dass bei einem Auftritt der Gruppe Lilienthal die Instrumentalstücke mehr Applaus gekriegt hatten als die Lieder über den Widerstandskampf der Weißen Rose.

 

Schon in der Überschrift ihres Artikels stellt sie eine falsche Frage: „Lieber leicht konsumierbar anstatt avantgardistisch“? Vor so einer Alternative standen wir nicht. Warum nicht beides? Die wahrscheinlich beliebteste Gruppe, die gleich mehrfach zu Gast war und die, wenn man mich fragt, am besten das Zusammenspiel der verschiedenen Ansprüche verkörpert – also die typische Festival-Gruppe schlechthin –, war die Gruppe Poesie und Musik (mit Orlando Valentini, dem inzwischen verstorbenen René Bardet und dem inzwischen international bekannten Andreas Vollenweider). Sie nannten sich bekanntlich „Poesie und Musik“, nicht etwa „Lieber leicht konsumierbare Musik anstatt anspruchsvoller Poesie“ – also „und“, nicht „lieber … anstatt“.

 

Wenn es das seltsame Wort „Alleinstellungsmerkmal“ damals schon gegeben hätte, hätte ich es damals schon nicht gemocht, doch ich hätte sagen können, worin das Alleinstellungsmerkmal der Festivals bestand und womit sie das Hinweisschild NUR HIER verdient hätten: Es war die Nähe zur Universität. Na gut, auch bei den Festivals in Mainz liegt eine Uni in Reichweite, aber Tübingen hatte Hegel und Bloch. Wenn wir uns die Universität als eine (von mir aus selbstgestrickte) Socke vorstellen, dann wurde mit den frühen Festivals diese Socke von innen nach außen gestülpt. Die Universität ist traditionell der Ort für die Welt des Geistes – für den Weltgeist. Der wurde freigesetzt und schwirrte zusammen mit den angereisten Geistern aus aller Welt mit Musikbegleitung durch die Gassen.

 

Hegel

 

Wohin gehen wir? Immer nach Hause

 

Nach dem Blochschen Geschichtsverständnis war es möglich, einen Rahmen abzustecken, in dem dieses neuartige Phänomen, das sich „Folk“ nannte, vorläufig einsortiert werden konnte. Damit konnte der Sache ein eigener Glanz, ein besonderes Ansehen verliehen werden, das die Folkies ihrerseits gerne annahmen, weil sie sich einem gewissen Rechtfertigungszwang ausgesetzt fühlten und unbedingt zu einer rechtslastigen Volksliedtradition auf Distanz bleiben wollten.

 

Wenn man Bloch folgen mag, dann hat Geschichte einen Sinn. Sie führt irgendwo hin. Wenn wir uns die Entwicklung der Weltgeschichte als Wegstrecke vorstellen, dann erkennen wir – oh, Wunder –, dass das Repertoire der historischen Folksongs verschiedene Stationen auf diesem verschlungenen Weg markiert. Die Kämpfer im Bauernkrieg des Jahres 1521 und die Bürger, die während der Achtundvierziger-Revolution auf den Barrikaden standen, haben erstaunlicherweise, auch wenn sie keine Zeitgenossen sind, etwas gemeinsam: Sie alle stehen in einer „kryptischen Tradition“, sie sind verbunden durch das „identisch Gemeinte“, durch die „Invariante der Richtung“, die letztlich in eine Welt frei von Unrecht führt, von der wir gelegentlich einen „utopischen Vorschein“ erhaschen. So ein Geschichtsverständnis ist wie eine Kette: Bloch an Bloch – und hält doch.

 

Kurz: Wir haben den Folkies versichert, dass sie dazugehören, dass sie getrost bei uns aufspielen können, wir würden als Veranstalter bereitstehen und auf Nachfrage jederzeit theoretisch begründen können, dass ihre Musik eine tiefe Bedeutung hat, dass sie genauso zu den Guten gehören wie die aktuellen, kritischen Liedermacher und dass sie keinesfalls Ewiggestrige oder gar einfältige Dudel-Musiker sind, die nicht wissen, wo sie politisch hingehören.

 

Manchen kam das aufgesetzt vor. Der Club Voltaire galt sowieso (zumindest bei einigen) als arrogant und intellektuell verstiegen. Da erwartete man keine ergreifenden Lieder, sondern beißenden Spott; dem alten Voltaire wird schließlich der Spruch zugeschrieben: „Was zu dumm ist, um es auszusprechen, das singt man.“ Und nun sollte doch gesungen werden? Manche konnten das nicht zusammenbringen, sie stellten sich vor, dass dann zwei Seelen in einer Brust wohnen müssten, die aber, weil die Menschen heutzutage so schmalbrüstig sind, in so einer Brust nicht genug Platz finden.

 

Vielleicht hätten wir uns Club Rousseau nennen sollen, womöglich hätte es das Verständnis erleichtert. Rousseau, der vermutlich eine sehr geräumige Brust hatte, brachte die Welten zusammen: kritisches Denken und Sentimentalität, Aufklärung und Singspiel. Mit seinem Hang zu privaten Bekenntnissen und seiner Vorliebe für unkomplizierte Musik kann man ihn womöglich sogar als heimlichen Schutzpatron der späteren Liedermacher ansehen.

 

Bei der Ausstellung sieht man nichts davon. Da werden die Festivals dargestellt, als hätten die Ausstellungsmacher die Plakate nicht angeguckt, die Programmhefte nicht gelesen und nicht gemerkt, dass die Festivals mehr waren als rauschende Partys. Sie waren umstritten. Sie wurden angefeindet. So manchen gefiel die ganze Richtung nicht; sie hielten das für linke Unterwanderung, sie misstrauten den freundlichen Tönen und fürchteten um den guten Ruf, als könnten die alten Mauern Tübingens über Nacht mit einer unsichtbaren, aber bleibenden roten Farbe beschmiert werden.

 

Die Ausstellungsmacher dagegen meinen, dass sich bei den ersten drei Festivals der politische Anspruch „in Grenzen“ hielt, und so ignorieren sie die ersten und konzentrieren sich auf die letzten, bei denen sie dann einen Niedergang der politischen Kultur feststellen. Das passt nicht zusammen. Wenn einerseits Folkmusik als gefälliges Musizieren ohne weitere Bedeutung abgetan wird und andererseits die „Mitarbeitenden“ des Club Voltaire als politische Aktivisten darstellt werden, wie darf man sich dann deren Engagement vorstellen?

 

Etwa so, dass die Veranstalter zunächst eine Musikrichtung, an der sie gar kein echtes Interesse hatten, in den Mittelpunk ihrer Programme gestellt haben, als wären die ersten drei Festivals nur Probeläufe gewesen, um dann bei dem vierten mit dem eigentlichen Anliegen herauszurücken, als hätten sie erst einmal Hunde ins Weltall geschickt, ehe sie einen benannten Raumflug wagten? Nein. So war es nicht. Umgekehrt. Gerade die ersten Festivals verdienen verschärfte Aufmerksamkeit – besonders dann, wenn man sie als Beispiele für eine Protestkultur vorzeigen will.

 

 

Die wunderbaren Pfeifkonzerte

 

Das erste Festival, bei dem es noch enorme Widerstände gab, war allein schon dadurch ein Erfolg, dass es stattgefunden hatte und keine Pleite war. Ganz reibungslos war es auch nicht. Bill Clifton mit seinen Echo Mountain Boys war als Attraktion geplant, wurde aber ausgepfiffen, weil er ungebrochen patriotisch wirkte und langweilte. Er hielt das für ein Pfeifen im amerikanischen Stil und missverstand es als Zugabenwunsch. Tucker Zimmerman, der auch nicht gut ankam, warf verärgert seinen Gitarrenkasten von der Bühne. So wirkte das Publikum auf seine Art von Anfang an bei der Programmgestaltung mit.

 

Beim zweiten Festival 1976 geschah es dann. Hier müsste jeder, der sich für Protestbewegungen interessiert, aufhorchen und mitschreiben, doch ausgerechnet an dieser Stelle lässt die Ausstellung eine Lücke. Was geschah? Es gab eine spontane, nicht angemeldete Demonstration, die sich von der Bühne im Schlosshof bis in die Uhlandstraße hin zum Schwäbischen Tagblatt bewegte und gegen Repression und Berufsverbote protestierte. Na bitte: Es gab echten Protest. Im richtigen Leben. Die Ausstellung weiß nichts davon.

 

Der Protest brachte uns in Verlegenheit. Wir hatten die Geister, die wir gerufen hatten, nicht im Griff. Wir mussten deutlicher werden. Ein Bloch-Zitat, so dekorativ es auch in den Mittelpunkt des Plakates gerückt war, reichte offenbar nicht aus. Wir mussten konkrete Themen vorgeben. Sonst würde es das Publikum tun. Wir mussten Redner besorgen, sonst würde jemand aus dem Publikum das Wort ergreifen. Das Publikum ist sowieso ein Lümmel. Es ist unberechenbar. Hinzu kommt, dass die Gelegenheit eine äußerst empfindliche Diva ist. Wenn man mit ihr ein Rendezvous hat, darf man sich nicht verspäten. Der Veranstalter, der Neuland betritt, ähnelt einem Dompteur, der es mit mehreren unbekannten Raubtieren zu tun hat.

 

Wir hatten Glück. Die Sterne standen günstig. Der Weltgeist lächelte. Es gab zwei oder drei goldene Festival-Jahre – das war’s. Es war wie ein Blitz, der punkt- und zeitgenau niedergeht, wenn die Wolken entsprechend aufgeladen sind. Wir konnten die Wolken natürlich nicht lenken, lebten aber in der Illusion, dass es letztlich doch der einzelne ist, der zumindest ein bisschen an dem Rad der Geschichte drehen kann und nicht bloß mitschwimmt auf einer Welle, die sowieso kommt. Viel konnten wir nicht machen.

 

Wir hatten aber schon Wegweiser aufgestellt, nun kam es – was immer es auch war – auf Tübingen zugerollt. Die Besucher strömten herbei und erwarteten ein Wunder. Gleichwohl waren sie bereit, sich selbst und die Veranstalter als Einheit zu sehen. Wir waren wie sie. Wir waren alle Jungfrauen. Von Festival zu Festival verdoppelte sich der Besucherstrom. So wurden die Festivals überhaupt erst möglich. Es gab Einnahmen. Zuschüsse waren noch nicht entscheidend. Finanziert wurde das Unternehmen hauptsächlich durch Selbstausbeutung. Natürlich geht das nur eine Zeit lang gut. Der Lohn für die Mitarbeiter entsprach dem olympischen Gedanken: Dabeisein war alles.

 

Es war ein alter Traum der Veteranen der Burg Waldeck, den legendären Pete Seeger – die Verkörperung des Liedermachers und Folksängers in einer Person – ­in die Büsche zu locken. Eckard Holler war so ein Träumer, doch er gehörte gleichzeitig zu den Spielverderbern, die lieber diskutieren und die Gitarren in die Ecke stellen wollten. Er wollte unbedingt mit dem politischen Feuer der Gegenwart spielen und kehrte immer wieder gerne zum Lagerfeuer seiner jugendbewegten Vergangenheit zurück. So einer war er. Darauf kam es an. Das sind die entscheidenden, subjektiven Faktoren, die letztlich die Dinge in Bewegung, die Verhältnisse zum Tanzen bringen.

 

Die Festivals wurden durch die Verstrickungen, Vorlieben und Irrtümern von einzelnen möglich. Durch Freimut und Feuer. Die Veranstalter waren genau solche Einzelkämpfer, wie es die Liedermacher waren, die auf ihrem Eigensinn beharrten und sich zugleich danach sehnten, irgendwo dazuzugehören.

 

Kleine Anekdoten aus der Geschichte der Festivals enthalten mehr Wahrheit als die klapperige Begrifflichkeit aus der Broschüre. Wir wollten Pete Seeger nach Tübingen holen. Also brachen Eckard, Gretel, (der damals nicht einmal einjährige) Lasse Holler und ich nach Italien auf, um ihn da zu treffen. Pete Seeger hatte jedoch in seinem Brief an uns Turin mit Mailand verwechselt. So stießen wir auf die dortige Musikszene, von der wir zunächst auch nicht wussten, was wir davon halten sollten.

 

Wir konnten nicht ahnen, dass die Italiener schon bald zu einem besonderen Kennzeichen der Festivals wurden – mit Stormy Six/Macchina Maccheronica, Quarto Stato und dem Ensemble Havadia, das sich zunächst Gruppo Folk Internationale nannte. Damit führte zwar die ganze Bagage um Moni Ovadia noch das Zauberwort „Folk“ im Namen, doch letztlich führte gerade die Invasion der Italiener dazu, dass die Folkmusik zu einer Randerscheinung wurde. Es kam also, wie Wilhelm Busch sagen würde, erstens anders und zweitens als gedacht.

 

In seinem neuen Programm verwendete Moni Ovadia Zitate aus der deutschen Nationalhymne. Er wurde sofort ausgepfiffen. Er war nicht sicher, ob die Pfiffe reflexhaft der Hymne galten oder seinen neuen Mini-Opern, die er gerade ausprobierte und die nicht leicht zu verstehen waren. Er konnte damit umgehen. Als Künstler musste er sowieso mit Widersprüchen und Überraschungen leben.

 

So ist die Kunst. So ist das Leben. So hat auch Umberto Fiori in dem Lied vom Pfeifkonzert besungen: „Quando meno te lo aspetti/ è scoppiata la realtà,/ è l’orchestra dei fischietti che dà la sveglia alla città“. Das hat jeder spontan verstanden. Es hat auch jeder sofort gemerkt, dass hier die Grundlegung der Dialektik Hegels zeitgemäß zum Klingen gebracht und mit Dynamik versehen wurde, „Niente resta uguale a se stesso,/ la contraddizione muove tutto.“ *

 

An der Mauer beim Hölderlinturm stand damals der Spruch: „Der Tag ist 24 Stunden lang, aber verschieden breit.“ Eben. Manchmal gibt es extrabreite Momente. Bei dem Festival des Jahres 1977 tanzten Hölderlin, Hegel und Schelling um einen Freiheitsbaum und sangen revolutionäre Lieder wie die Carmagnole. Moment … ich muss mich berichtigen, es war nicht etwa – kleiner Zahlendreher – im Jahre 1977, sondern 1799, genau gesagt 1791. Das Festival des Jahres 1977 wollte an diesen Augenblick erinnern, und – wer weiß? – vielleicht hatte Hölderlin bei der Gelegenheit seinem Tanzpartner Hegel die Idee von der Einheit der Gegensätze, die auf Heraklit zurückgeht – und die auch das Festivalprogramm kennzeichnet –, nahegebracht.

 

Von all dem erzählt die Ausstellung nicht. Sie erzählt aber, dass gestrickt und besetzt und blockiert wurde. In Tübingen. In den 70er oder 80er Jahren. Es passt ja auch, so mag man zunächst einmal denken (wenn man nicht lange weiterdenkt), gut zu den Liedermachern mit ihren selbstgestrickten Liedern und ihren temperaturempfindlichen Gitarren, die sie ständig nachstimmen mussten. Es hat irgendwie mit Alltagskultur zu tun. Irgendwie irgendwo irgendwas hat es auch mit Protest zu tun. Das kann man gut zusammenfassen.

 

 

Protest im Zeichen der Gleichstellung

 

Pustekuchen! Es passt nur, wenn man alles vorher in die große Waschmaschine der Gleichstellung gesteckt hat, die nicht nur alles einfärbt, sondern auch alle Wäschestücke auf ein und dieselbe Größe zusammenschrumpfen lässt. So macht es die Ausstellung: Wenn es um die Festivals geht, wird das Protest-Element klein geredet, wenn es ums Stricken geht, wird es aufgemotzt. Nun hängt alles nebeneinander auf einer Leine, als wäre es alles gleichermaßen bedeutend, alles gleich gültig, alles gleichgütig. Schon die zwanghafte Gleichstellungs-Prosa, in der das Begleitheft verfasst ist, mit den verkrampften „Besucher_innen“ mit Unterstrich, den „Studierenden“ und den „Mitarbeitenden“ (die eigentlich „mitgearbeitet Habende“ heißen müssten, denn nun ist es Vergangenheit) ist bezeichnend. So werden nicht nur die Zeiten platt gebügelt, auch die Wertigkeiten werden eingeebnet.

 

Zum Stricken selber kann ich nichts sagen. Ich wurde, als ich noch zur Schule ging, massiv diskriminiert. Immer wenn die Handarbeitslehrerin kam, wurde ich ausgesperrt. Mir wurde allein aufgrund meines Geschlechts der Zugang zur Bildung (zumindest der Zugang zur Bildung von selbstgestrickten Schals und Pullovern) verweigert. Auch wenn ich wütend mit dem Fuß aufgestampft und bitterlich geweint habe: Ich durfte nicht stricken und nicht häkeln. Dabei ist es geblieben. Die Strickenden mussten also ohne mich ihren Triumphzug antreten, als sie seinerzeit mit den Grünen in den Bundestag einzogen und demonstrativ ihre Nadeln in die weiche Wolle rammten. Zu dem Thema hatte ich bereits vor Jahren ein Gedicht und einen Text auf der Achse geschrieben. Nun gibt es dazu obendrein einen Clip:

 

Es wurde also nicht nur gesungen im Ländle: Gestrickt, besetzt und blockiert wurde in Tübingen auch – mit der Betonung auf dem verräterischen Wörtchen „auch“. Das kenne ich noch: In der DDR gab es auch Cola, sie hieß Club-Cola, es gab auch Jeans, die so genannten Jeanshosen, es gab auch Beatmusik (die Sputniks, die Dampferband und das Diana Show Quartett), es gab auch Autos, man nannte sie korrekterweise Trabbis. In Tübingen gab es auch Protest ­– den „auch-Protest“.

 

Man höre und staune: In Tübingen wurde auch ein Haus besetzt so wie in Westberlin oder an anderen Orten, an denen richtig was los war. Wer hätte das gedacht? Nun wissen wir es. Das Stadtmuseum zeigt es. Der großzügige und zugleich schlampige Ansatz der Ausstellung, bei der zwei Jahrzehnte über einen großen Kamm mit dicken Zacken geschoren wurden, legt einen gnädigen Schleier über die Peinlichkeit dieser unzeitgemäßen und unbedarften Protestaktionen aus der Provinz.

 

Es gab in Tübingen sogar eine Frauenbewegung. Auch das noch. Da wurde heftig gegen das Sammeltaxi, mit dem die ängstlichen Frauen nicht einverstanden waren, protestiert. Dazu gab es auch ein Transparent. Mit einem echten, selbstgemachten Spruch; denn reimen konnten die Frauen in den siebziger Jahren auch: „Sammeltaxi, das ist fein -/ der Vergewaltiger steigt mit ein.“

 

Was ist peinlich? Peinlich ist das Unpassende, das nicht zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Dabei kann die Verzögerung als Gradmesser dienen: Wenn ich im Januar „Oh-du-fröhliche“-singend mit einem Weihnachtsmannkostüm durch die Stadt laufe, ist das peinlich, wenn ich es im Februar tue, ist es noch peinlicher. Wenn ich es im Mai tue, wird es langsam komisch.

 

Und nun? Nun stehen die Besucherinnen und Besucher staunend vor einer Matratze, auf der in den siebziger oder achtziger Jahren angeblich ein echter Hausbesetzer geschlafen hat, sie stehen vor einer historischen Waschmaschine, in der angeblich eine Latzhose eingefärbt wurde, um die Alltagskultur zu revolutionieren und sehen tatsächlich – sie trauen ihren Augen kaum – einen echten, selbstgestrickten Pullover. So soll Protest sinnlich erfahrbar gemacht werden. Mir blieb das Lachen im Hals stecken.

 

Als in Tübingen irgendwann etwas gestrickt, etwas blockiert und sogar ein Häusle besetzt wurde, wurde damit lediglich etwas nachgemacht, was andere Aktivisten an prominenten Orten spektakulär vorgemacht hatten. Bei den Festivals war es umgekehrt: Für Folkies und Liedermacher war Tübingen eine Zeit lang der prominente Ort, zu dem sie anreisten. Die Stricker, Blockierer und Besetzer dokumentieren eindrucksvoll, dass Tübingen ein beschauliches Provinznest ist. Die Festivals dagegen haben einen Wimpernschlag lang Tübingen zu einem Weltdorf gemacht. Die Stricker, Blockierer und Besetzer haben etwas nachgespielt. Die Folkies und Liedermacher haben etwas vorgespielt.

 

Ich kann übrigens auch Zweizeiler stricken. So wie die protestierende Frauen in Tübingen. Nicht ganz so fein, aber mein. Noch so richtig selber gemacht – echt jetzt. Es reimt sich auch. Mein Zweizeiler als Kommentar zur Interventionsausstellung – und zugleich als Protest dagegen – geht so:

 

 

„Kommt ein Protest zur falschen Zeit,

   besteht er nur aus Peinlichkeit“.

 

 

* Um solche Musik ging es. Die lag bei den frühen Festivals in der Luft. Der Text wurde natürlich übersetzt: „Gerade wenn du es am wenigsten erwartest,/ geht die Wirklichkeit los:/ es ist das Pfeifkonzert,/ das die ganze Stadt aus dem Schlaf rüttelt.// Es weckt mit seinen Trommeln,/ niemand soll noch länger schlafen,/ es schreibt rot auf die Mauern,/ es teilt die Welt entzwei.// Das ist kein Chor von Erzengeln/ auf dem Fließband:/ es hüpft und pfeift/ mit der Kraft der Träume,/ mit der Einfachheit der Bedürfnisse.// Nichts bleibt sich gleich:/ der Widerspruch bewegt alles.“

Kommen und nicht gehen

Wenn man sagt, dass man etwas tut

und es auch tut:

Das kommt gut.

Doch wenn man sagt, „Da war was“

und es war nicht.

Das kommt nicht gut.

Das geht gar nicht.

Endlosschleife Liebesleid

Immer wenn ich dieses Lied höre, weiß ich, dass die Vorweihnachtszeit angefangen hat und dass auch das allgemeine Liebes-Unglück weiter seinen Lauf nimmt: Last X-mas I gave you my heart but the very next day you gave it away …

 

 

Im letzten Jahr war ich noch mit Anne zusammen gewesen. Bis zu dem Tag, an dem wir zum Weihnachtsmarkt gingen. Sie hatte es unbedingt gewollt. Ich nicht, als hätte ich das Unglück vorausgesehen. Wir gingen trotzdem. Das war’s. Damit war die Beziehung zu Ende.

Ich hatte versucht, mich zu wehren. „Mich ziehen keine zehn Rentiere in dieses verlogene Nippesparadies, wo man überteuerten Krimskrams kaufen kann, den irgendwelche Behinderte oder Ausländer hergestellt haben. Wenn ich Pech habe, spielen sie dazu den Schneewalzer im Viervierteltakt.“

Mein Einwand galt nicht.

Ob Dreiviertel- oder Viervierteltakt, das war eine Kleinigkeit. Was war das gegen einen gemeinsamen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, der doch so schön sein konnte?! Und so wichtig. Und so gut.

Anne verstand es, alles, was sie in Wirklichkeit gerne tat, als Pflicht hinzustellen und stets andere Gründe anzuführen, als den, dass sie einfach nur Lust auf etwas hatte. Wenn sie mal Lust auf etwas hatte, dann gab sie es nicht zu. Manchmal musste man schon den Eindruck haben, dass sie das ganze Leben nur als eine einzige Last ansah und als hätte sie noch etwas gut allein schon dafür, dass sie das Leben aushielt: Es mussten nun mal Geschenke für die Verwandten und Freunde gekauft werden, das musste sein. Außerdem war es ein besonderer Weihnachtsmarkt, der nicht nur als einer der schönsten galt, sondern auch als der Markt, bei dem man guten Gewissens sein Geld ausgeben konnte, bei dem sich neben den Anbietern aus armen Ländern auch Initiativen aus der Nachbarschaft vorstellten, die sie unterstützen wollte.

Ich hatte nachgegeben und so getan, als würde ich mich nach ihren Vorgaben richten; denn ich hatte schwer an ihrer moralischen Überlegenheit zu tragen, als müsste ich mich mit einem Rucksack abschleppen, in der die Ausrüstung für ein ganzes Leben verstaut war. Sie hatte – besonders nach meiner Affäre (die keine war) mit meiner Tanzpartnerin – eine dermaßen starke moralische Überlegenheit aufgebaut, dass sie sich weit über mich erhob, sich damit aber auch weit von mir entfernte, als dürfte ich ihr nur noch aus der Ferne zuwinken, aber nicht mehr in ihre Nähe geraten.

Ich hätte merken müssen, dass es ihr nicht allein darum ging, sich durchzusetzen und zu bestimmen, wie wir den späten Nachmittag verbringen, sie erwartete mehr von einem Bummel über den Weihnachtsmarkt, es ging nicht nur um Schnäppchen und gute Taten, es war, als hätten wir da einen Termin bei einem Paartherapeuten. Sie hoffte irgendwie – wie genau weiß ich auch nicht –, dass es unserer Beziehung gut tun würde, als könnte die inszenierte vorweihnachtliche Stimmung uns zu besseren Menschen machen, die besser miteinander umgehen können.

„Also gut. Ich gehe mit“, hatte ich gesagt. „Auch auf die Gefahr hin, dass ich Last X-mas hören muss, das böse, böse Lied.“ Damit hatte ich schon alles verdorben.

Auf dem Weihnachtsmarkt – jedenfalls sah Anna das so, wie ich inzwischen wusste – war nichts böse. Da gab es keine bösen Lieder und keine bösen Dinge, da gab es nur gute und sehr gute Dinge, sie waren von Grund auf gut, sie waren mit Liebe gebastelt von Menschen, die es schwer hatten im Leben, solche kleinen Geschenke waren nicht nur schön, sie dienten außerdem einem guten Zweck.

Last X-mas I gave you my heart war mein Top-Kandidat für einen der oberen Plätze auf der Liste der ‚Worst Songs Ever’. Auf die Idee, eine Liste mit den schlimmsten Liedern aller Zeiten zu erstellen, waren meine Schüler gekommen. Die erstellten gerne Listen, und besonders gerne machten sie Negativ-Listen.

War das früher anders?

Ich glaube schon.

Wir hatten auch, als wir noch jung und schnell zu begeistern waren, unsere Hitparaden gehabt. Doch da waren unsere Lieblingslieder aufgeführt, die zauberhaften Lieder, die wir gerne hörten. Was wir nicht mochten, überhörten wir einfach. Wir haben uns damit gar nicht erst großartig beschäftigt, als könnte man sich von dem Schlechten, das ihnen anhaftete, infizieren. Es kommt mir vor, als wäre das heute anders und als würden sich die Leute viel mehr mit dem befassen, was sie nicht mögen, als wäre es ihnen wichtig, rechtzeitig Nein zu sagen, und als kriegten sie schon längst kein Ja mehr über die Lippen. Wir leben nicht mehr in einer Zeit des Yeah! Yeah! Yeah!, sondern in einer des No, No, No!

Vielleicht liegt es an unserer besonderen Aufmerksamkeit für die Risiken und die schädlichen Nebenwirkungen, die wir überall vermuten und auf die wir bei jeder Gelegenheit hingewiesen werden. Wir sind inzwischen Experten für das Schlechte geworden. Vielleicht ist es auch eine Nebenwirkung der Mülltrennung, weil heute nichts einfach weggeschmissen, sondern vorher genau analysiert wird.

Natürlich sagen Leute in meinem Alter gerne, dass früher alles besser war, aber ich denke schon, dass es eine Veränderung in der Grundstimmung gegeben hat; wahrscheinlich hätte mir sogar Anne zugestimmt, sie meinte auch, dass es heute – ganz allgemein gesprochen – an Positivem fehlt und sie hätte womöglich leise hinzugefügt, dass sie das Positive auch in unserer Beziehung vermisst.

 

Google-Übersetzer-Version 

 

Last X-mas wirkt beim ersten Hören nicht besonders schlimm, es scheint ein durchschnittlicher Tra-la-la-Schlager zu sein, doch durch das regelmäßige Auftauchen zur Weihnachtszeit hat sich die Bedeutung des Songs verändert: George Michael will, wie er in dem Lied fröhlich singend verkündet, seinen Fehler vom letzten Jahr vermeiden, to save me from tears, und diesmal sein Herz an someone special verschenken. An eine ganz besondere Frau also.

Aber – das sagte ich meinen Schülern auch immer – man musste solche Texte stets im Kontext interpretieren und sich fragen: In welchem Zusammenhang steht das Lied? Ist es eine einmalige Situation oder eine, die regelmäßig wiederkehrt, zu der ein Lied passt wie etwa Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.

So ist es. Wir haben es mit einer Serie zu tun. Es wiederholt sich etwas. Denn genau dieses Lied hatten wir im letzten Jahr auch schon gehört. Der Sänger hatte sich, wie wir inzwischen wissen, geirrt, als er dachte, er hätte sein Herz der Richtigen gegeben. Im Jahr davor ebenso, alle Jahre wieder. Die frohe Botschaft, die uns sagen wollte, dass diesmal mit dem Weihnachtsfest alles besser würde, erwies sich durch die Wiederholung als falsches Versprechen: Mit dem letzten Weihnachtsfest war nicht alles besser geworden, das letzte Mal war genauso ein Reinfall gewesen wie das Mal davor.

Was also, so konnte man sich fragen, sagte uns das Lied über den Zustand unseres Liebeslebens? Wir hatten es mit einem massenhaften Liebesleid bei kurzfristiger Selbsttäuschung kurz vor Heilig Abend zu tun.

Der Song hatte inzwischen sogar den Rang von einem traditionellen Weihnachtslied, er war inzwischen auch fünfundzwanzig Jahre alt. Wir gingen also einem Silberhochzeitsfest des Liebeskummers entgegen.

Daran sah man, wie verlogen ein „Fest der Liebe“ war – besser gesagt: Man hörte es. Dennoch wurde der faule Zauber jedes Jahr neu inszeniert, als hätte ein schlechter Dramaturg einen unkündbaren Vertrag mit einem Theater, das jeden zum Besuch verpflichtete.

Das war jedenfalls meine Interpretation zu diesem Lied.

Die hatte ich nicht nur meiner Klasse, sondern auch Anne erzählt. Sie war sowieso der Meinung, dass ich rund um die Uhr Lehrer bin, nicht nur vormittags.

Sie hatte es gar nicht gerne gehört: „So siehst du das?“

„Es stimmt doch – oder?“

„Und? Was willst du mir damit sagen?“

„Was soll ich dir damit sagen wollen?“

„Ist dir aufgefallen, dass wir genau in dieser Zeit zusammen gekommen sind? In dieser ach-so-schrecklichen Zeit des ewig wiederkehrenden Liebesleids. Gehen wir deiner Meinung nach etwa auch einer Silberhochzeit des Liebeskummers entgegen?“

„Du musst nicht immer alles auf dich beziehen.“

„Auf wen den sonst? Etwa auf deine Tangotänzerin?“

„Nein. Natürlich nicht.“

Die kannte ich ja kaum. Unsere Affäre war nicht so, wie Anne dachte. Es war eigentlich keine. Ich hatte sie unvorsichtig als Möchte-gern-Affäre bezeichnet und es damit noch schlimmer gemacht, denn damit hatte ich zugegeben, dass es etwas war, zu der solche Bezeichnungen wie „gerne“ und „möchten“ passen. Das war in Annes Augen der Beweis für die Leidenschaftlichkeit, wie man sie auch beim Tango erwartet.

Dennoch hatte ich bis zu dem Moment immer noch gedacht, dass wir eigentlich ein gutes Paar sind. Doch mit der Formulierung „ein gutes Paar“ ging schon der Ärger los, denn Anne litt darunter, dass wir kein sehr gutes Paar waren – und sie bezog tatsächlich alles auf sich.

Einmal war ich sehr spät – das war schon schlecht – von einem Elternsprechtag zurückgekommen und hatte bereits, als ich zur Tür hereinkam, den Eindruck, dass ihre Laune unter dem Gefrierpunkt lag. Ich hätte vorsichtig sein sollen; doch ich klagte unbefangen über anstrengende Mütter, die unbedingt perfekte Mütter sein wollten, obwohl es für die Kinder oft besser wäre, wenn sie nur „ausreichend gute Mütter“ wären, wie wir das im Lehrerzimmer nannten. Anne zog daraufhin eine Schnute, als wären plötzlich links und rechts an ihren Mundwinkeln schwere Gewichte angebracht worden, sie bezog das sofort auf unsere Beziehung, als hielte ich die auch für „ausreichend gut“ – und wäre auch noch zufrieden damit.

Da lag sie nicht ganz falsch.

Man sollte zufrieden sein mit dem, was man hat. Doch heutzutage verrieten die Leute das Gute, das sie hatten, und tauschten es ein gegen die trügerische Aussicht auf etwas Besseres, das es dann nicht geben würde. Mein zweiter Kandidat für die Liste der ‚Worst Songs Ever’ war: It’s got be-e-e-e-e-e perfect, von der Gruppe Fairground Attraction. Da verrät schon der Name, dass sie auf Rummelplätzen und Märkten ihren menschenfeindlichen Lobgesang auf den Perfektionismus aufführen wollen, mit diesem nervtötenden, lang gezogenem be-e-e-e-e-e. Es wird sofort abgerechnet, es heißt: It’s got to be-e-e-e-e-e worth it. Es geht also um Geschäfte – und darum, sich besser zu fühlen als alle anderen: too many take second best. But I but won’t take anything less. It’s got to be-e-e-e-e-e perfect.

Kein Wunder, wenn sich die Leute bei so einer Begleitmusik trennen. Nobody is perfect. Als sich die Bukis scheiden ließen, wurden wir mitgeschieden, auch wenn wir gar nicht verheiratet waren. Wir hatten früher viel gemeinsam unternommen, – Städtereisen nach Prag und Lissabon – die Bukis waren, bis sie sich trennten, mehr als nur ein befreundetes Paar gewesen, sie waren unsere besten Freunde.

Dann gingen sie auseinander: Anne war auf ihrer, ich auf seiner Seite. Plötzlich hatte sich da ein tiefer Graben aufgetan, wir hätten nicht mal mehr zusammen auf den Weihnachtsmarkt gehen können. Anne nahm mir sogar übel, dass ich bis zuletzt bei ihm Bücher gekauft hatte, nun war er pleite; die ‚Buchkiste’ war eine Eisdiele. Sie fand, er hätte seine Frau nicht so schlecht behandeln sollen; ich fand, seine Frau hätte ihn nicht verlassen dürfen. Angeblich hatte er seine Kundinnen mehr geliebt als sie. Ich hatte dazu nur bemerkt, dass man grundsätzlich seinen Partner nur so kennt, wie er ist, wenn man selber gerade mit ihm zusammen ist, und dass Frau Buki keinen Anspruch auf „hundert Prozent“ der Zuneigung ihres Mannes hätte.

Anne war entsetzt gewesen, dass ich so reden konnte, sie fand es sowieso daneben, dass wir sie immer „die Bukis“ nannten, auch wenn es scherzhaft war und sie das auch gesagt hatte; aber es war nun mal sein Laden, und sie wurde damit völlig untergebuttert.

Ich fand, dass Frau Buki, wie ich sie weiterhin hartnäckig nannte, erpresserisch war: Entweder er verhielt sich genau so, wie sie wollte, oder sie trennte sich und ruinierte ihn damit. Doch das sagte ich nicht; ich mochte Aussprachen nicht, die so waren, als würde dabei nur auf ein falsches Wort von mir gewartet, als hätte jemand vorher die Warnung abspult: Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass alles, was Sie sagen, gegen Sie verwendet werden kann.

So war meine Lage: Anne wartete nur auf ein falsches Wort von mir, auf eine falsche Bewegung, einen falschen Blick. Es konnte ganz leicht passieren. Ich müsste nur das Wort „Tango“ erwähnen oder sagen, dass für kinderlose Paare der Weihnachtsmarkt der reine Kitsch ist und Leute wie Anne und ich da eigentlich nichts verloren hätten oder ich müsste wieder von „bösen Liedern“ sprechen, schon würde Anne das als willkommenen Anlass sehen, mir nicht nur eine Szene zu machen, sondern die Beziehung zu beenden.

So kam es dann auch.

Eine beschauliche Stimmung konnte sowieso nicht aufkommen, weil es viel zu viel Gedrängel gab, und dann passierte etwas, das alles veränderte, als hätte jemand versehentlich mit der Maus etwas angeklickt, das er gar nicht wollte – schon hatte die Szene einen anderen Hintergrund: Etwas kippte um, etwas krachte zusammen, Schreie, Flüche – vermutlich auf Russisch – zerrissen die Geräuschkulisse, als hätte es einen Anschlag gegeben. Alle Blicke richteten sich auf die beiden Weihnachtsmänner, die sich kurz angebrüllt hatten und sofort heftig aufeinander einprügelten; sie zerrten wütend an ihren Mänteln und boten mit ihrem Zweikampf eine gänzlich unerwartete Attraktion auf dem ganz besonderen Weihnachtsmarkt vor dem Charlottenburger Schloss, das in diesem Jahr in Bonbonfarbe beleuchtet war. Gleichzeitig fing der gemischte Chor der St. Kamillus-Gemeinde auf der großen Bühne zu singen an: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit …

Anne hatte recht. Mit der Dudelmusik auf dem Weihnachtsmarkt hatten sie Schluss gemacht. Es hing irgendwie mit neuen GEMA-Regelungen zusammen oder damit, dass sich Anwohner beschwert hatten. Es war jedenfalls nicht mehr so laut wie früher, es gab keine Weihnachtslieder in Humtata-Versionen mehr. Es war eben doch ein besonderer Weihnachtsmarkt für den anspruchsvollen Geschmack.

Man konnte die beiden Weihnachtsmänner nur schwer auseinanderhalten, sie wirkten auf den ersten Blick gleich stark. Ein vielleicht vierzehnjähriger Junge neben mir beömmelte sich geradezu, wie Anne das nannte und sagte immer:

„Affengeil!“

„Komm jetzt!“ Anne zog an meinem Mantel; sie tat, als wäre sie auch eine von den Müttern, die mit ihren Kindern schnell weitergehen wollten, um die Kleinen vor dem zu bewahren, was sich nun offenbarte. Die Weihnachtsmänner schlugen kräftig zu, es lag eine verzweifelte Wucht in ihren Schlägen, es musste richtig wehtun, derhalben jauchzt, mit Freuden singt, doch sie zeigten keinerlei Anzeichen von Schwäche, entweder bildeten ihre Mäntel ein gutes Polster oder sie hatten professionelle Nehmerqualitäten.

 

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Einer lag am Boden, der andere prügelte unablässig auf ihn ein. Die unfreiwilligen Zuschauer hatten jedoch kaum Gelegenheit, mit dem gefallenen Weihnachtsmann Mitleid zu empfinden: Ein leichtes Nachlassen der Schläge, die auf ihn niedergingen, brachte eine schnelle Wende. Er trat den Weihnachtsmann, der sich über ihn gebeugt hatte, hart zwischen die Beine – der schrie auf und kippte um – und plötzlich war der Weihnachtsmann, der eben noch unten gelegen hatte, obenauf und prügelte auf den Weihnachtsmann, der nun am Boden lag, ein und fluchte atemlos.

Ein paar Frauenstimmen riefen nach einem Veranstalter oder nach einem Verantwortlichen – aber wer sollte das sein? Wer sollte eingreifen? Die minderjährigen Engel, die hier in viel zu dünnen Kleidchen herumliefen? Einen Knecht Rupprecht, der mit einer Rute eingreifen könnte, gab es weit und breit nicht, der war längst abgeschafft. Vermutlich hatten sich die beiden Weihnachtsmänner verirrt oder nicht richtig abgesprochen und „fochten“ nun, wie man sagen könnte, wenn sie Degen gehabt hätten und zum Duell angetreten wären, ihre Unstimmigkeiten aus und versuchten dabei gleichzeitig alte, angesammelte Rechnungen zu begleichen.

Es war nicht mehr schön. Das Böse war plötzlich wie eine Wildsau aus dem Unterholz herausgebrochen und hatte sich auf dem Weihnachtsmarkt breit gemacht.

Trotzdem. Ich lachte lauter als mir lieb war, ich wusste selber, dass mich alle für verrückt halten mussten.

„Hallo!!?? Geht’s noch?“, fragte Anne. Ich erkannte sie kaum wieder. So redete sie normalerweise nicht, das taten Leute, die so alt waren wie der Junge neben mir.

Ich konnte einfach nicht aufhören und lachte und lachte wie ein Scherzartikel, der sich nicht mehr abschalten lässt.

Mir war klar, dass die Beziehung zu Anne ein Ende hatte, dies war die Endphase. Mit so einem wie mir wollte Anne nichts mehr tun haben.

„Kindskopf!“, schimpfte Anne. Sie behandelte mich gerne wie ein Kind. Ich durfte dann den kleinen Jungen spielen, neben ihr herdackeln, gut „bei Fuß“ laufen, wie man das bei Dackeln sagt, und an ihrer Unentschlossenheit teilnehmen – sollte sie das kaufen? Oder nicht? Oder doch? Und nun wollte diese Mutter, die keine war, ihren Kleinen so schnell wie möglich weiterzerren, als hätte er plötzlich etwas entdeckt, das nicht jugendfrei ist.

Wir hatten kein Kind. Ich gehörte nicht zu ihr. Ich wollte nicht weg. Ich wollte mir von dem Schauspiel nichts entgehen lassen: „Ich bleibe hier. Ich will sehen, wie sie sich die Bärte abreißen.“

„Du bist sowas von …“ Anne resignierte. Ihr gingen die Worte aus wie bei einer Tube Shampoo, der man verärgert den letzten Tropfen abringt.

„Haut’se, haut’se, immer in die Schnauze“, rief ich mit dem Jungen neben mir im Chor. Inzwischen war mir alles egal. Ich konnte die vielen missbilligenden Blicke, die mich von allen Seiten trafen, als wäre ich einer Steinigung mit kleinen, imaginären Steinen ausgesetzt, sogar genießen. Die Wut, die in den Schlägen der Weihnachtsmänner steckte, konnte ich sehr gut nachvollziehen, sie sprach mir aus der Mördergrube meines Herzens. Die beiden Weihnachtsmänner brachten einfach nur die Wahrheit ans Tageslicht:

Es gab keinen perfekten someone spezial, dem man zu X-mas sein Herz schenken konnte, damit man von allen Schmerzen befreit war.

Es würde auch im nächsten Jahr keinen geben.

Taxi-Version auf dem Weg zum Flughafen Hanoi, 2013

Georg Kreisler und das Böse

Wenn nicht Liebe – was sonst?

Nora war noch in dem Alter – sie war acht oder neun -, in dem sie auf dem Kindersitz im Auto hinten sitzen musste. Ich hatte aus Versehen den falschen Sender eingestellt, und nach dem Verkehrshinweis lief von Freddy ‚Die Gitarre und das Meer’. Als sie danach meinte „Das war aber mal ein schönes Lied“, fiel mir auf, dass sie womöglich gerade zum ersten Mal bewusst der Musik aus dem Radio zugehört hatte. Normalerweise war das alles in Englisch, ein bedeutungsloses Grundrauschen zum Motorengeräusch, das an ihr vorbeizog wie die langweile Aussicht aus dem Rückfenster.

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Deutsche Frauen, deutscher Sang

Es ist schon ein paar Sommer her, da geschah es unvermutet in der S-Bahn, mitten in Berlin: Die Stadt war in trübes Goldlicht getaucht, die ersten Lichter gingen an, obwohl es noch hell war, man hatte irgendwie das Gefühl, dass alle Fenster offen standen und eine angenehme Milde in der Luft lag. Polen ist nicht weit, dort nennt man so eine Dämmerung die „Stunde des Zàl“ und verbindet sie mit einem Gefühl der Wehmut. Doch es lag nicht nur Wehmut in der Berliner Luft, auch eine Ahnung von Glück.

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Leonard Cohen und der Krieg

 

 

 

Am Sonntag, dem 21. September wurde in einer Reihe von transkontinentalen Veranstaltungen (1)* der achtzigste Geburtstag von Leonard Cohen zelebriert. Er selber hat sich diesen Tag als Termin gesetzt, um wieder mit dem Rauchen anzufangen. In dem Filmporträt ‚Beautiful Losers’ (ich weiß nicht, wie lange das schon zurückliegt) lobt er Weiswein und Zigaretten als „wundervolle Drogen“, er tut es in einem durchaus ernsthaften Ton, als hätte er alles durchprobiert und könnte nun nach vorurteilsfreier Prüfung Weiswein und Nikotin als Testsieger empfehlen. Er scheint eine Menge ausprobiert zu haben, einschließlich Alkoholentzug, Zen Buddhismus und Askese.

Offenbar ist er auch im fortgeschrittenen Alter immer noch dabei, in Sachen Drogen, Kunst und Religion verschiedene Möglichkeiten auszutesten.

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Ein neues Lied der Deutschen

 

 

Das deutsche Lied war uns verleidet – es hing mit dem ‚Lied der Deutschen’ zusammen und dem Ballast, der da im Schlepptau mitgeführt wurde. Als Kind hatte ich das schon nicht richtig verstanden.

Unsere Nationalfarben – das wusste ich natürlich – waren Schwarz, Rot und Gold. Und damit fingen schon die Probleme an:

Gold hatte ich nicht in meinem Tuschkasten.

Das Gelb – links oben in der Ecke – war immer zuerst alle. Vielleicht lag es daran, dass man auch beim Farbenverbrauchen links oben anfing oder daran, dass Kinder so viele Sonnen malten, die auch links oben in der Ecke lachten.

Die Fahnen waren auch nicht Gold, sondern Gelb. Das war verständlich. Nach dem Krieg konnte sich kaum einer richtiges Gold leisten, da mussten alle sparen und Gelb nehmen. Das fand ich nicht so schlimm. Doch dann sollten sie auch ehrlich sagen: Unsere Nationalfarben sind Schwarz, Rot und Gelb. Warum nicht?

So war es eben.

Schlimm war, wenn man so tat, als wäre das Gelb in Wirklichkeit Gold, und als hätten wir alle einen Sehfehler, die gefürchtete Gold-Gelb-Blindheit der Deutschen. Das war schlimm. Damit taten wir so, als hätten wir Goldmedaillen gewonnen und hatten das gar nicht. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass mit diesem Gold etwas nicht stimmt.

Wir mogelten offiziell.

Mich konnte man aber nicht täuschen. Ich glaubte nicht daran, dass Gelb behelfsmäßiges Gold ist, so wie Bonn die provisorische Hauptstadt war und dass wir eines Tages wieder zu Glanz, Ruhm und Reichtum kämen und uns dann echtes Gold leisten könnten. Dann würden alle Fahnen neu genäht und alle Bücher, in denen die Fahne noch mit Gelb abgebildet war, neu gedruckt werden und die Kinderbilder, bei denen das Gelb für Sonnen und Flaggen verbraucht wurde, würden mit Gold übermalt. Nein. So würde es nicht kommen.

 

Flaggedeutsch

 

Die Hymne war auch ein Problem. Man durfte sie nicht singen. Jedenfalls nicht die erste Strophe. Einmal hatte ich sie trotzdem gehört und gleichzeitig meine Eltern dabei erwischt, wie sie etwas Verbotenes taten. Sie hatten Besuch von Verwandten, von denen sie womöglich angestiftet wurden. Sie feierten irgendwas und vergnügten sich mit einer Erdbeerbowle. Das gefiel mir gar nicht. Ich kannte das schon. Es tat mir in der Seele weh, dass dabei die Erdbeeren zu verboten Früchten wurden. Wie gerne hätte ich die Überreste gegessen, die am nächsten Tag aufgedunsen und traurig in dem Bowleglas schwammen. Ich durfte nicht. Und die Großen wollten nicht und schütteten sie weg.

So durfte man nicht mit Erdbeeren umgehen!

Nicht in der schweren Zeit, in der es an allen Enden und Ecken fehlte. Da musste ich mich auch nicht wundern, dass sich die Großen im Zuge der Erdbeervernichtung zu weiteren strafbaren Handlungen hinreißen ließen, dass sie Witze erzählten, die nicht stubenrein waren, ihre Aufsichtspflicht vernachlässigten und wahrscheinlich dachten, die Kinder würden längst schlafen.

Ich schlief nicht. Ich lauschte.

Da hörte ich sie singen, singen und lachen: „Deutschland, Deutschland unter andern …“ mehr war nicht zu verstehen, weil es im allgemeinen Kichern ersoff. Offenbar war es ein lustiges Lied. Warum war es verboten? Es fing gut an. Die doppelte Nennung von „Deutschland“ gefiel mir. Ob es politische Gründe hatte und sich auf die Teilung des Landes bezog, durchschaute ich nicht. Die Verdopplung war jedenfalls klasse. Sie erinnerte an die Südsee und an Babysprache. Hula Hula, Happa Happa, Balla Balla, Deutschland Deutschland, Plem Plem. Vielleicht wurde deshalb so viel gelacht.

Am nächsten Morgen sortierte ich meine Briefmarken neu. Ich hatte erst vor kurzem mit dem Sammeln angefangen und die deutschen Marken in ein kleines Extra-Album gesteckt. Inzwischen hatte ich ein zweites großformatiges Album „geschonken gekraucht“, wie ich es nannte, weil mich irgendetwas daran hinderte, die korrekte Bezeichnung – „geschenkt gekriegt“ – zu verwenden.

Mein Onkel hatte mir neue mitgebracht, ausländische Marken, die noch nicht abgeweicht waren. Ich sortierte alles neu. Diesmal nach Alphabet. Es fing mit „Argentinien“ an. Deutschland kam – „unter andern“ – unter D: „Deutsches Reich“ und „DDR“, auch „Bundesrepublik Deutschland“, selbst wenn es streng genommen mit B anfing. Die Hitler-Marken versteckte ich sicherheitshalber in einem gebrauchten Briefumschlag. Ich war nicht sicher, ob der Besitz verboten war oder nicht.
In das kleine Album kamen nun die Doppelten.

Erst sehr viel später lernte ich die zweite Strophe kennen. Mir war auf Anhieb klar, warum die unterschlagen wurde und warum sie keiner singen wollte. „Deutsche Frauen, deutsche Treue“ – das fing gar nicht gut an. Ich dachte sofort an Kriemhilds Rache und an die Nibelungentreue. Es ging auch nicht gut weiter mit dem „deutschen Sang,“ den ich nicht so gerne höre und dem „deutschen Wein“, der mir nicht schmeckte, auch wenn ich nun inzwischen so alt war, dass ich mal kosten durfte.

 

„Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang.“

 

Mit der dritten Strophe hatte ich immer ein Problem: Bei der Stelle „Danach lasst uns alle streben“, musste ich unfreiwillig denken: „Danach lasst uns alle sterben.“ Das ist kein Fall von „misheard lyrics“, wie der, von dem eine Freundin erzählt hat, die statt „the only one who could ever reach me was the son of a preacher man“ immer „the only one who could ever feed me was the son of a pizza man“ verstanden hatte.

Es ist auch kein legasthenischer Hörfehler, sondern eine unvermeidliche Assoziation. Es gab mal einen Werbespruch für ein Medikament, dessen Namen ich vergessen habe, den Spruch habe ich behalten. Der Originaltext heißt: „stärkt den Organismus“; da habe ich immer den Subtext herausgehört: „stärkt den Orgasmus“.

Vielleicht wurden die Anklänge hervorgerufen, weil die Hymne immer zum Sendeschluss gespielt wurde. So kam sie in die Wohnstuben. So war das: Es gab einmal eine Zeit, da gab es noch einen Sendeschluss im Fernsehen. Da ertönte die Hymne, man sah die wehende deutsche Fahne in Schwarz, Rot und Gelb, und dazu die Skyline von Helgoland, dann war Schluss, Licht aus, Ende. Doch auch die Grauen der Vergangenheit schimmerten durch, ich musste an Erschießungskommandos denken, an Todesurteile, die im Namen des Volkes und zum Klang der Hymne vollstreckt wurden.

Mir war es schon lange klar: Wir brauchen einen neuen Text. Die Musik konnte man so lassen. Die ist gut. Berthold Brecht hat eine Version vorgeschlagen, die mir gefällt. Bei der Stelle, an der es um die Liebe zum Land geht, bietet er an: „und das liebste mag’s uns scheinen so wie anderen Ländern ihrs“. Eine gute Lösung für die Unfallstelle „über alles in der Welt“.
Superlative sind heikel – „liebste“ ist noch der beste von allen, der schönste, und wunderbarste Superlativ.

Doch erst dadurch, dass die „anderen“ auch mitbedacht werden und die Möglichkeit, dass es sich um „Schein“ handelt, wird die Sache verträglich. Der Superlativ ist eine Gefahrenstelle. Schon der Komparativ kann eine sein; denn mit dem „Vergleich“ kam, wie Rousseau meinte, das „Übel“ in die Welt, und dieses Übel befeuern solche Hymnen, die einen auffordern, besser zu sein, besser als alle anderen. Am allerbesten. Mit den meisten Goldmedaillen.

Das Gold muss weg. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht und gleich gemerkt, dass ein neuer Text alleine nicht ausreicht. Zuerst müssen wir offiziell verkünden, dass unsere Nationalfarben Schwarz, Rot und Gelb sind. Da müssen wir gar nicht weiter auf das Voranschreiten der Finanzkrise warten. Wir können uns jetzt schon zu Gelb bekennen. Dann kann man auch meine Hymne, bei der ich die Anregung von Brecht aufgreife, im Brustton der Überzeugung singen. Ich würde gerne den Anfang der ersten Strophe so lassen wie gehabt, und es soll dann so weitergehen:

 

Deutschland, Deutschland unter anderen
Ländern dieser weiten Welt,
die gemeinsam unterwandern,
was sich für was Bess’res hält.

Weiter bin ich nicht. Bei der zweiten Strophe stecke ich noch in den Anfängen. Doch ich habe mir schon überlegt, was man als Ersatz für das Reizwort „Frauen“ nehmen kann. Da kann man heute nur ins „Fettnäpfchen treten“. Und ich weiß was Besseres als „Treue“.

„Frauen“ möchte ich ersetzen durch „Fußball“. Damit müssten deutsche Frauen, von denen ich sonst nicht wüsste, wie man sie zufriedenstellen soll, leben können. Nach den Erfolgen im Frauenfußball können sie eigentlich nichts dagegen haben.

„Treue“ würde ich ersetzen durch „Reue“. In dem Punkt zeigt Deutschland große Stärken. Bei der Bewältigung der Vergangenheit haben wir einiges aufgeboten; unsere antifaschistischen Kräfte sind unermüdlich, der Kampf gegen die Nazis wird umso leidenschaftlicher geführt, je länger sie tot sind. Die zweite Strophe könnte so anfangen:

 

Deutscher Fußball, deutsche Reue

Mehr habe ich noch nicht. Bei der dritten Strophe möchte ich „Einigkeit“ durch „Einsamkeit“ ersetzen. Nicht dass ich was gegen die Einigkeit mit den Neuen Bundesländer hätte – im Gegenteil. Doch es gibt eine andere Einigkeit, die mich bedrückt: die Gleichschaltung, die alle Frauen und alle Männer so sieht, als wären sie alle gleich und sich alle einig. Immer wenn ich was von „den“ Männern und „den“ Frauen höre, möchte ich in Ruhe gelassen werden und mich ausnehmen.

Dass unser Land im „Glücke“ „blühen“ soll, wie es weiter heißt, klingt zunächst mal gut, aber das „Blühen“ gefiel mir doch nicht, da habe ich immer automatisch das „Verblühen“ mitgedacht und vor meinem geistigen Auge sah ich schon, wie die Blätter fielen, die Blumen ihre Köpfe hängen ließen und die Pflanzen schließlich im Biomüll endeten.

Bei dem Stichwort „Glück“ fiel mir die Redewendung ein, dass jemand „mehr Glück als Verstand“ hatte. Das wollte ich aufgreifen und abwandeln, ich müsste noch ein bisschen dran drehen und einen Schluss finden, bei dem ich unserem Land „sowohl Glück als auch Verstand“ wünsche. Das Blühen entfällt. Auch ein Blühen mit Stilblüte.

Weiter bin ich noch nicht. Immerhin. Ein Anfang ist gemacht. Nur manchmal überkommen mich Zweifel, ob ich der Richtige für diesen Job bin.

Gebt ihm ein F

 

 

 

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Lieder unterliegen dem Energieerhaltungsgesetz. Da geht nichts verloren. Lieder bilden unsichtbare Geflechte und heimliche Verbindungen zwischen den Menschen. Und sie rufen Erinnerungen wach. Jeder trägt einen Klimperkasten mit sich herum, in dem der alte Kram versammelt ist: Reime, Werbesprüche und Fetzen von Liedern. Die liegen da auf der Lauer und warten darauf, dass sie aufgerufen werden. Wir haben das nicht vergessen. Es kommt uns manchmal nur so vor.

 

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